“Ich sehe den Himmel offen”
Der Maler Martin Knoller in Neapel.
Festansprache zum hundertjährigen Jubiläum der neuen deutschen katholischen Kirche Neapels
Goethe
Die Gemeinde, die mit guten Freunden sich heute feiert, hat eine Geschichte von gut 400 Jahren. Aber nur über ein einziges Jahr möchte ich heute zu Ihnen sprechen. Es geht um das Jahr 1758.Eigentlich sollte ein Wort Goethes am Anfang stehen. Das macht sich im Deutschen immer gut. Goethe hat das Ereignis des Jahres 1758 auch sehr ausführlich beschrieben in seiner Schrift: “Winckelmann und sein Jahrhundert.” Die Kaiserin Maria Theresia schickt ihren Gesandten Karl Firmian nach Neapel. Dort ist Karl IV. König, der später als Karl III. König von Spanien wurde. Mit Firmian kommen der Archäologe und Schriftsteller Winckelmann, sein Freund, der Maler Mengs und Firmians Hofmaler Martin Knoller. Gemeinsam berauschen sie sich an den Schätzen Herculaneums, an deren Ausgrabung sie sich ma?geblich beteiligen. Wir befinden uns in einer der Geburtsstunden des Jahrhunderts des Klassizismus. Das Museum Ferdinandeum in Innsbruck besitzt in seinem Keller ein Bild Knollers von diesem Ereignis. Aber seinen Namen finde ich nicht in Goethes Schrift.
Die beiden Männer waren ja auch zu verschieden. Goethe, der Heide. Knoller, der Christ. Knoller, der Familienvater. Goethe – ja, Sie wissen schon. Goethe, ein Mann der Gedanken, der Sprache, des Geistes. Knoller, ein Mann der Augen und der Hand. Sein Handwerk hatte er von der Pike auf gelernt. Seit seiner Kindheit hatte er immer nur gemalt. Er konnte sich seine Farben selbst herstellen. Er kannte die raffiniertesten Maltechniken. Verschiedener kann man sich zwei Männer nicht vorstellen. So wundert es mich nicht, dass Goethe in seiner Beschreibung dieser Reise nach Neapel Knoller einfach nicht für erwähnenswert hält.
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Eine Geschichte
Ich habe also als Einleitung leider kein Wort Goethes zur Verfügung. Lassen Sie mich deshalb mit einer Geschichte beginnen. Ich habe sie selbst erfunden. Sie ist also nicht historisch. Ob sie w a h r ist mögen Sie entscheiden.Die Stadt Innsbruck wird hoch überragt von dem gewaltigen Massiv der Serles. Anscheinend unbezwingbar liegen ihre Felswände vor den Augen des staunenden Reisenden. Aber wie die meisten Riesen hat auch sie eine schwache Stelle. Und die liegt wie meistens hinten.
Mitten in der Nacht machen sie sich auf den Weg. Zu einer Gruppe von Menschen gehört auch ein Junge. Sein elterliches Haus liegt an der Stra?e im Wipptal, die zum Brenner und nach Italien führt. Diese Stra?e soll einmal sein Schicksal werden. Aber j e t z t will er mit den anderen auf den Berg. Beim steilen Anstieg durch den Wald genie?en sie die Kühle der Nacht. Das gastliche Kloster der Serviten Maria Waldrast
lassen sie auf der Seite liegen.
Nach Stunden anstrengender Wanderung liegt plötzlich vor ihnen ein herrlicher Ausblick ins Stubaital mit seinen noch schlafenden Dörfern. Am Serlesjöchl befinden sie sich. Nach links beginnt eine schroffe Kette von Gipfeln bis zum Habicht hin. Sie aber wenden sich nach rechts. An einer kleinen Felswand mühen sich die Älteren etwas ab. Aber der muntere Junge hat sie schnell durchklettert. Und bald stehen sie auf dem weiten Plateau des Gipfels der Serles. Vor ihnen fallen steil nach Norden und Osten die Felswände ab. Sie geniessen über Innsbruck hinweg den Blick bis ins Karwendelgebirge.Ob der gewaltige kubische Block in der Mitte des Plateaus immer dort gelegen hat, wissen sie nicht. Ein Priester, der mitgekommen ist, stellt Brot und Wein darauf. Er legt eine einfache Stola um und beginnt die Hl. Messe. Seinen Dankgesang auf die wunderbaren Taten Gottes unterbrechen die Leute mit den Rufen des “Heilig, Heilig.” Dann beugt er sich über das Brot, und, dem Vater für Jesus dankend, wiederholt er dessen Worte: “Mein Leib, hingegeben für euch.”
In diesem Augenblick rei?t im Nordosten bei Innsbruck die Wolkendecke auf. Ein winziges kleines Loch nur. Aber es bietet einem einzigen Sonnenstrahl Platz, der sich genau auf das Geschehen am Altar wirft.
Dieses Bild packt den Jungen. Und es lässt ihn nicht mehr los. Das Bild von dem Himmel, der sich öffnet und in den Alltag des Menschen hineinleuchtet, begleitet ihn auf dem Abstieg vom Berg. Und während in Maria Waldrast bei frommen Servitenmönchen die anderen das wohlverdiente selbstgebraute Bier genie?en, sieht er immer noch den Himmel offen und das Licht Gottes in diese Welt hineinfallen.
Ein Zufall. Natürlich. Ein Zufall wie damals, als, nachdem Gottes Volk auf der Flucht vor den Ägyptern durch das Schilfmeer gewatet war, der Wind sich drehte, das Wasser zurückkam, die Ägypter vernichtete und die Israeliten rettete. Wie dieses Erlebnis dem Volke Israel seine Geschichte deutete und es bis jetzt prägte, dürfte ein Erlebnis, wie das oben geschilderte, den Jungen geprägt haben.Ich habe mich bemüht, Ihnen meine Geschichte möglichst realistisch zu schildern. Hoffentlich denken Sie trotzdem immer noch daran, dass es eine erfundene Geschichte ist.
Das auf strahlende Licht aus der Höhe
Aber genau so könnte es gewesen sein. Es würde uns den Martin Knoller erklären, wie er immer den Himmel leuchtend offen gemalt hat. Entweder öffnet er sich, um den geheiligten Menschen aufzunehmen. Oder er öffnet sich, um Gottes Anruf auf den Menschen fallen zu lassen. Auf fast all seinen Bildern, sogar solchen mit heidnischen Motiven, finden wir den Strahl, der Himmel und Erde verbindet. Er hebt das zentrale Geschehen hervor, lässt die vier Ecken des Bildes in tiefem Dunkel.
Diesen Eingriff des Himmels hat auch Knoller selbst in seinem Leben erfahren. Wie der Maler Paul Troger ihn entdeckte, das scheint für ihn wie eine Berufung Gottes gewesen zu sein, seine Kunst in seinen Dienst zu stellen.
Die Anfangsgründe
Dazu passt, dass auch von ihm in seinem Geburtsort Steinach die Wanderlegende erzählt wurde, ein vorüberreisender bekannter Maler habe ihn beim Bemalen der Häuser mit Holzkohle gesehen, seinen hervorragenden Strich bemerkt und ihn einfach mitgenommen, um ihn weiter auszubilden.
Tatsache ist, dass er die Anfangsgründe seiner Kunst von seinem Vater, dem Lüftelmaler Franz Knoller, und in Innsbruck von Ignaz Poegl erworben hat. Dann wird in Salzburg Paul Troger sein Lehrer, dem er an die Akademie von Wien folgt.
Wie weit er Troger bei der Ausmalung des Brixener Doms helfen durfte, ist nicht mehr feststellbar, da sich damals seine Malweise nicht von der seines Lehrers unterschied.
In Anras im Pustertal begann er im Jahre 1753 mit seiner selbständigen Arbeit als Maler von Fresken und Tafelbildern.
Seine Werke
Ich möchte Ihnen jetzt in historischer Reihenfolge aufzählen, wo er seine Werke hinterlassen hat:Rom, Neapel, Mailand, Ettal, Assisi, Klagenfurt, Volders (bei Hall an der Autobahn), sein Hauptwerk in Neresheim in Württemberg, als Einziges ausserhalb des tirolisch-bayrisch-italienischen Raumes, Bozen, sein Heimatort Steinach, München, Mantua, Mals, Wallerstein, Innsbruck, Meran, Benediktbeuren, Tramin, Weilheim, Wien, Gries bei Bozen und Niederndorf im Pustertal.
Lebenslauf
Sein Lebenslauf ist schnell berichtet. Wie bereits erzählt, entstammt er einer einfachen Familie in Steinach an der Stra?e zum Brenner. Auch über seine Lehrjahre in Innsbruck, Salzburg und Wien wurde schon gesprochen. Wie viele Deutsche zieht es ihn nach Rom, wo er 1755 Winckelmann und Mengs trifft und mit Ihnen Freundschaft schlie?t.Im Jahre 1758 begleiten sie den Gesandten der Kaiserin Maria Theresia an den Hof des Königs von Neapel. Aber schon im gleichen Jahr wird ihr tüchtiger Gönner Karl Firmian von Maria Theresia zum Statthalter von Mailand befördert. Da der Graf im Auftrag der Kaiserin noch in Rom mit dem Papst und der Regierung des Kirchen- staates Besprechungen zu führen hat, schickt er Martin Knoller, den er inzwischen als seinen Hofmaler angestellt hat, voraus nach Mailand, damit er ihm dort ein würdiges Haus erwerbe, einrichte und ausmale.
Knoller bleibt in Mailand. Er heiratet eine Frau aus angesehener Mailänder Familie und kümmert sich bald rührend um seine 5 Kinder, wenn er nicht – meist im Hochsommer – in Deutschland seinem Berufe nachgeht.
Er stirbt in Mailand am 4.7.1804 und wird dort auf dem Friedhof an der Porta Comasina begraben. “Uomo da bene”, steht auf seinem Grabstein, “celebre pittore e professore dell’Accademia Nazionale delle belle arti in Milano.”
Neapel
Aber nun endlich zu Neapel. Was hat Martin Knoller mit Neapel zu tun? Ich glaube, dass man die gemeinsame Ankunft dieser vier Männer in unserer uralten Stadt weltkulturgeschichtlich nicht hoch genug ansetzen kann.
Da ist einmal Firmian, der Politiker, der der Moderne und Aufklärung aufgeschlossene weitherzige Adlige aus uraltem Tridentiner Geschlecht, Italiener und Deutscher gleichzeitig, auch Mozart hat später einmal in Mailand die Gastfreundschaft seines Hauses gesucht.
Dann ist da Winckelmann, der Freund Goethes, der Archäologe, der voll Staunen die Kunstschätze der klassischen Antike in der Erde entdeckt, sie in vielen Schriften seiner Zeit nahebringt und in Kultur und Kunst ein neues Jahrhundert des Klassizismus begründet.
Und Mengs, Er übersetzt diese neuen Gedanken in die Malerei.
Und Knoller, in Südtirol und in Neresheim heute fast wie ein Heiliger verehrt. Obwohl älter, bezeichnet er sich als Schüler Mengs. Er, der grö?te des oesterreichischen Spätbarock, der sich das gesamte Können der Meister des Barock und Rokoko angeeignet hatte, lä?t sich einführen in die neue Welt der Klassizisten. Seine Werke in Neapel stehen in diesem Uebergang und dürften für die Kunsthistoriker von grö?tem Interesse sein.Aber sie kennen sie nicht.
Es kannte sie noch im Jahre 1831 Heinrich von Gleusen. Er schreibt in der ersten Biographie Knollers in der Zeitschrift Ferdinandeum von Neapel: “Er hat dann dort vieles, nicht nur für den Minister, sondern auch für andere, insbesondere auch Plafonds und Altarblätter gemahlet.”Aber Joseph Popp, der die bekannteste Biographie Knollers geschrieben hat, aus der alle kunstgeschichtlichen Lexika abschreiben, besucht zur Vorbereitung seiner Doktorarbeit im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts Neapel und findet – nichts.
Er schreibt: “Von den drei Altarblättern, die Glausen unbedenklich Knoller zuzählen zu dürfen glaubt, konnte ich in der Kirche a l l ‘ Anima zu Neapel auch nicht eines entdecken. - Vielleicht liegt eine Namensverwechslung vor. In Ermangelung aller näheren Angaben und anderen Hilfsmitteln vermochte ich auch in den Häusern und Palästen von Neapel nichts Weiteres zu erforschen.”
Wahrscheinlich war die Kirche St. Maria d e l l ’Anima, wie fast immer, wieder fest verschlossen. Niemand wusste, wo es einen Schlüssel gibt. Es war sehr hei?. Herr Dr. Popp hatte keine Lust, länger zu suchen. So erfindet er obige Schutzbehauptung. Und glaubt später selbst daran. Jedenfalls wird sie von den folgenden Biographen und allen Lexika und allen auf ihnen fu?enden Kirchenbeschreibungen übernommen.
Popp zählt die Städte auf, in denen sich “sichere” Werk Knollers befinden. Neapel ist nicht darunter. Auch nicht in der Aufstellung der “von Glausen glaubwürdig erwähnten Werke”. Sind die drei von Glausen in Neapel erwähnten Werke nicht glaubwürdig? Warum nicht? Sind sie nicht echt? Darüber verliert Popp kein Wort. Nein, er hat sie nicht gefunden.
Aber es gibt sie. Ich möchte sie Ihnen morgen zeigen.
Sie hängen dort, wo sie hingehören. Da hat ihr Schöpfer sie gewollt . Sie hängen in der Kirche der Gemeinde, der er selbst fast ein Jahr angehört hat. Das Kirchengebäude wurde zwar bei einer Stadtsanierung abgerissen. Aber die Gemeinde hat Knollers Bilder mit allen anderen Schätzen mitgenommen. In die Kirche, die sie sich neu errichtete. Das war genau vor 100 Jahren. Die Einweihung feiern wir heute. Und morgen werden wir um 10.00 Uhr dort den Segen dessen empfangen, dem sie gehört.
Die vier Männer bleiben in Neapel leider nur eine kurze Zeit. Karl IV. wird König in Spanien und nimmt Mengs mit nach Madrid .Der oesterreichische Gesandte bei ihm wird Statthalter in Mailand und macht Knoller dort zu seinem Hofmaler. Winckelmann geht zurück nach Rom. Und die Gemeinde, die heute mir seelsorglich übertragen ist, verliert wieder in dem Konvertiten Winckelmann und in Martin Knoller, die sie nicht einmal ein ganzes Jahr besessen hat, ihre beiden berühmtesten Mitglieder.
Rektor Wilhelm Vollmer